Enginsight im Expertengespräch mit Michael Mattis, CEO, Silicon Valley Europe
Sabine Kuch: Herr Mattis, ich möchte mit einem politischen Zitat einsteigen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat gesagt: „Digitale Souveränität Europas ist zentral, für unsere Wettbewerbsfähigkeit, für unsere Sicherheit und für unsere Verteidigung.“ Ganz ehrlich, viele Unternehmen denken dabei wahrscheinlich: schöne Worte, aber weit weg vom Alltag. Täuscht dieser Eindruck?
Michael Mattis: Ja, aus meiner Sicht täuscht er. Digitale Souveränität ist längst keine politische Diskussion mehr. Sie entscheidet heute ganz konkret darüber, wie innovationsfähig, resilient und wettbewerbsfähig ein Unternehmen ist. Wer seine Daten, seine Prozesse oder seine technologische Zukunft nicht selbst gestalten kann, verliert Handlungsspielraum. Und genau das erleben wir bei vielen Unternehmen.
Sabine Kuch: Das heißt, digitale Souveränität beginnt nicht erst auf staatlicher Ebene?
Michael Mattis: Ganz im Gegenteil. Sie beginnt im Unternehmen selbst. Viele Verantwortliche denken bei digitaler Souveränität an Cloud-Anbieter oder internationale Technologiekonzerne. Tatsächlich geht es zunächst um die Frage: Habe ich Transparenz über meine digitale Infrastruktur? Kann ich Entscheidungen selbst treffen? Kann ich meine Systeme weiterentwickeln, ohne von einzelnen Anbietern oder Spezialisten vollständig abhängig zu sein?
Sabine Kuch: Viele Diskussionen drehen sich aktuell um die Abhängigkeit von großen amerikanischen Technologieanbietern. Ist das die richtige Debatte?
Michael Mattis: Sie gehört dazu, greift aber zu kurz. Europa braucht starke eigene Innovationsökosysteme und wettbewerbsfähige Technologieanbieter. Gleichzeitig sollten Unternehmen zunächst ihre eigenen Abhängigkeiten analysieren.
Wir sehen häufig IT-Landschaften, die über Jahre gewachsen sind, fehlende Dokumentation kritischer Systeme, proprietäre Lösungen ohne offene Schnittstellen und auch fehlende Strategien für den Anbieterwechsel. Das sind oft die Risiken, die im Krisenfall unmittelbar spürbar werden.
Sabine Kuch: Silicon Valley Europe setzt sich intensiv für digitale Innovation in Europa ein. Wie definieren Sie digitale Souveränität?
Michael Mattis: Für uns bedeutet digitale Souveränität vor allem Entscheidungsfreiheit. Unternehmen müssen die Möglichkeit haben, die für sie beste Technologie auszuwählen, Systeme miteinander zu verbinden und bei Bedarf Anbieter zu wechseln.
Digitale Souveränität bedeutet nicht Abschottung. Sie bedeutet Wahlfreiheit, Transparenz und Kontrolle. Innovation entsteht durch Offenheit, nicht durch Isolation.
Sabine Kuch: Sie sprechen häufig von Europas Innovationskraft. Wo sehen Sie die größten Chancen?
Michael Mattis: Europa verfügt über hervorragende Technologieunternehmen, Forschungseinrichtungen und Start-ups. Das Problem ist selten fehlende Innovation. Das Problem ist häufig die Sichtbarkeit und Vernetzung.
Genau hier setzt Silicon Valley Europe an. Wir bringen Technologieanbieter, Anwenderunternehmen, Kommunen, Investoren und Forschungseinrichtungen zusammen. Unser Ziel ist es, Innovationen schneller in die Praxis zu bringen und Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation zu unterstützen.
Sabine Kuch: Viele Geschäftsführer haben den Eindruck, dass Digitalisierung immer komplexer wird. KI, Cybersecurity, Cloud, Regulierung. Wie können Unternehmen da den Überblick behalten?
Michael Mattis: Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen. Die technologische Entwicklung beschleunigt sich enorm. Niemand kann heute sämtliche Themen allein überblicken.
Deshalb werden Netzwerke immer wichtiger. Unternehmen profitieren vom Austausch mit anderen Unternehmen, von Erfahrungswerten und von Expertenwissen. Oft ist nicht die Technologie die eigentliche Herausforderung, sondern die Frage, welche Lösung zum eigenen Geschäftsmodell passt.
Sabine Kuch: Welche Rolle spielt Silicon Valley Europe dabei konkret?
Michael Mattis: Wir verstehen uns als Enabler der digitalen Transformation. Unser Netzwerk verbindet heute Hunderte von Technologieanbietern und Innovationspartnern in Europa. Unternehmen können über unsere Plattform gezielt Expertise finden, passende Technologiepartner identifizieren und von Best-Practice-Erfahrungen profitieren. Unser Anspruch ist es, Orientierung in einer immer komplexeren Technologiewelt zu schaffen.
Sabine Kuch: Ein großes Thema bleibt Cybersicherheit. Welche Bedeutung hat sie für digitale Souveränität?
Michael Mattis: Eine sehr große. Ohne Cyberresilienz gibt es keine digitale Souveränität. Wer seine Systeme nicht schützen kann, verliert im Ernstfall seine Handlungsfähigkeit.
Dabei geht es nicht nur um Firewalls oder Antivirensoftware. Es geht um Prozesse, Verantwortlichkeiten und ein klares Risikomanagement. Unternehmen müssen sich regelmäßig fragen: Wie schnell können wir auf einen Vorfall reagieren? Wer trifft Entscheidungen? Welche Systeme haben Priorität?
Sabine Kuch: Wenn Sie auf Unternehmen schauen, die besonders erfolgreich mit Digitalisierung umgehen, was machen diese anders?
Michael Mattis: Sie verstehen Digitalisierung als Führungsaufgabe. Die erfolgreichsten Unternehmen investieren nicht nur in Technologie, sondern auch in Wissen, Kultur und Zusammenarbeit.
Sie fördern Innovationsbereitschaft, treffen datenbasierte Entscheidungen und arbeiten eng mit Partnern zusammen. Vor allem warten sie nicht auf den perfekten Zeitpunkt. Sie beginnen Schritt für Schritt und entwickeln ihre digitale Kompetenz kontinuierlich weiter.
Sabine Kuch: Was sollten Geschäftsführer heute konkret hinterfragen?
Michael Mattis: Ich würde vier Fragen empfehlen:
- Wo sind wir technologisch abhängig?
- Wie gut kennen wir unsere kritischen Daten und Prozesse?
- Welche Fähigkeiten benötigen wir für die nächsten drei bis fünf Jahre?
- Haben wir die richtigen Partner, um diese Ziele zu erreichen?
Wer diese Fragen beantworten kann, hat bereits einen wichtigen Schritt in Richtung digitale Souveränität gemacht.
Sabine Kuch: Letzte Frage: Ist digitale Souveränität Pflicht oder Chance?
Michael Mattis: Beides. Die Pflicht entsteht durch die wachsenden Risiken und die zunehmende Komplexität. Die Chance liegt in der daraus gewonnenen Handlungsfreiheit.
Digitale Souveränität ermöglicht Unternehmen, schneller zu innovieren, Risiken besser zu beherrschen und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Für mich ist sie deshalb kein reines IT-Thema und kein politisches Schlagwort.
Digitale Souveränität ist die Grundlage für die digitale Zukunft Europas.
Sabine Kuch: Herr Mattis, vielen Dank für das Gespräch.

Digitale Souveränität – für Michael Mattis, CEO, Silicon Valley Europe, die Grundlage für die digitale Zukunft Europas
Silicon Valley Europe ist eine europäische Initiative, die Menschen, Unternehmen und Ideen aus der IT- und Digitalwirtschaft zusammenbringt. Die Mitglieder verbindet die Überzeugung, dass Europas digitale Zukunft dann stark ist, wenn man Wissen teilt, gemeinsam denkt und sich gegenseitig unterstützt. Regelmäßige Events bieten die Möglichkeit für Austausch, Zusammenarbeit und nachhaltige Geschäftsmöglichkeiten. https://portal.silicon-valley-europe.com/#Task61Place:::FACE154:Events:::
Für Enginsight bedeutet digitale Souveränität, dass Organisationen jederzeit die Kontrolle über ihre Daten, IT-Systeme und Sicherheitsprozesse behalten. Als vollständig in Deutschland entwickelte Cybersecurity-Plattform unterstützt Enginsight Unternehmen, Behörden und KRITIS-Betreiber dabei, regulatorische Anforderungen umzusetzen, ihre Resilienz zu stärken und Abhängigkeiten von außereuropäischen Technologieanbietern zu reduzieren. Cybersecurity „Made in Germany“ wird damit zu einem zentralen Baustein für eine souveräne digitale Zukunft.
Weitere Informationen: https://enginsight.com/de/blog/enginsight-staerkt-digitale-resilienz-und-souveraenitaet-im-oeffentlichen-sektor/
