Wie Führungskräfte in Zeiten von KI, Cyberrisiken und Wandel Vertrauen schaffen können
Die digitale Transformation, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und die zunehmende Bedrohung durch Cyberangriffe verändern Unternehmen in einem bislang ungekannten Tempo. Viele Mitarbeiter sehen die Chancen dieser Entwicklung, doch nicht wenige verspüren auch Unsicherheit: Wird KI meinen Arbeitsplatz verändern? Mache ich einen Fehler, der zum Sicherheitsvorfall wird? Welche Konsequenzen drohen, wenn ich Opfer eines Social-Engineering-Angriffs werde?
Für dieses Interview sprach Sabine Kuch mit Gisbert Engel, HR Director bei Mitsui Chemicals Europe. Der Jurist und HR-Experte verfügt über mehr als 25 Jahre internationale Erfahrung in Human Resources, Change-Management und Organisationsentwicklung. In seiner Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit japanischen Führungsphilosophien und deren Bedeutung für moderne Unternehmen.
Sabine Kuch: Herr Engel, Unternehmen befinden sich heute in einem permanenten Veränderungsprozess. Warum reagieren viele Menschen trotzdem mit Unsicherheit auf Transformationen?
Gisbert Engel: Das ist zunächst einmal eine ganz natürliche menschliche Reaktion. Unser Gehirn bevorzugt Vertrautheit und Vorhersehbarkeit. Veränderungen bedeuten Unsicherheit, und Unsicherheit erzeugt Stress.
Besonders deutlich sehen wir das aktuell beim Thema KI. Viele Mitarbeiter fragen sich, ob ihre bisherigen Kompetenzen zukünftig noch benötigt werden oder ob automatisierte Systeme ihre Aufgaben übernehmen. Hinzu kommt die Sorge Fehler zu machen, etwa im Umgang mit neuen Technologien oder im Bereich IT-Sicherheit.
Die Herausforderung für Führungskräfte besteht deshalb darin, nicht nur technische Veränderungen zu managen, sondern vor allem emotionale Sicherheit zu schaffen. Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie Teil der Veränderung sind und nicht ihr Opfer.
Sabine Kuch: Viele Mitarbeitende sorgen sich derzeit um ihren Arbeitsplatz. Welche Rolle spielt Führung in solchen Situationen?
Gisbert Engel: Eine sehr große Rolle. Menschen suchen in unsicheren Zeiten Orientierung. Führungskräfte können nicht jede Entwicklung vorhersagen, aber sie können Transparenz schaffen.
Ich beobachte häufig, dass Unsicherheit nicht durch Veränderungen selbst entsteht, sondern durch fehlende Informationen. Wenn Mitarbeitende verstehen, warum eine Veränderung notwendig ist, welchen Nutzen sie bringt und welche Rolle sie dabei spielen, sinkt die Angst deutlich.
Dabei hilft ein Konzept aus der japanischen Führungskultur, das ich besonders schätze: Amae.
Amae beschreibt das menschliche Bedürfnis nach Vertrauen, Akzeptanz und psychologischer Sicherheit. Mitarbeitende möchten wissen, dass sie Fragen stellen dürfen, Unterstützung erhalten und Fehler nicht automatisch negative Konsequenzen nach sich ziehen.
Psychologische Sicherheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Es bedeutet vielmehr:
Ich darf lernen. Ich darf ausprobieren. Ich darf auch einmal scheitern, ohne meinen Wert für das Unternehmen zu verlieren.
Sabine Kuch: Das klingt erstaunlich aktuell, gerade im Zusammenhang mit Cybersecurity.
Engel: Absolut. Tatsächlich sehe ich sehr viele Parallelen zwischen guter Führung und guter IT-Sicherheit.
In beiden Bereichen geht es um Vertrauen innerhalb klar definierter Grenzen.
Ein Unternehmen kann noch so viele Sicherheitslösungen implementieren. Wenn Mitarbeitende aus Angst vor Konsequenzen Sicherheitsvorfälle verschweigen, entsteht ein erhebliches Risiko.
Dasselbe gilt im Management. Wenn Mitarbeitende aus Angst vor Kritik oder Sanktionen keine Fragen stellen oder Probleme nicht ansprechen, verliert die Organisation wichtige Informationen.
Deshalb sollten Führungskräfte genauso handeln wie moderne Security-Teams: Sie schaffen sichere Rahmenbedingungen, innerhalb derer Menschen eigenständig handeln können.
Sabine Kuch: Social Engineering wird durch KI immer raffinierter. Viele Mitarbeitende haben Angst, auf solche Angriffe hereinzufallen.
Gisbert Engel: Und genau diese Angst kann zum Problem werden.
Kein Unternehmen der Welt wird jemals jeden Angriff verhindern können. Selbst hochqualifizierte Experten können Opfer einer überzeugenden Phishing-Mail oder eines KI-generierten Anrufs werden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wer hat den Fehler gemacht?“, sondern: „Wie schnell lernen wir daraus?“
Wenn Mitarbeitende befürchten müssen, nach einem Vorfall bloßgestellt zu werden, werden sie den Vorfall möglicherweise gar nicht melden. Damit erhöht sich der Schaden.
Wenn jedoch eine Kultur besteht, in der Sicherheit als gemeinsame Verantwortung verstanden wird, melden Mitarbeitende Verdachtsfälle frühzeitig. Genau dadurch steigt die Sicherheitsresilienz eines Unternehmens.
Sabine Kuch: Sie beschäftigen sich intensiv mit japanischen Führungsprinzipien. Welche Ansätze können Unternehmen dabei helfen, mehr Sicherheit zu schaffen?
Gisbert Engel: Ein sehr wertvoller Ansatz ist Naikan, eine japanische Methode der Selbstreflexion.
Naikan basiert auf drei einfachen Fragen:
- Was habe ich von anderen erhalten?
- Was habe ich anderen gegeben?
- Welche Schwierigkeiten habe ich anderen verursacht?
Für Führungskräfte ist das ausgesprochen hilfreich.
Nach einem gescheiterten Projekt lautet die traditionelle westliche Frage häufig: „Wer ist verantwortlich?“
Eine Führungskraft mit Naikan-Perspektive fragt zunächst: „Welchen Anteil hatte ich selbst an diesem Ergebnis?“
Dadurch entstehen Demut, Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen.
Mitarbeitende erleben, dass ihre Führungskraft nicht sofort nach Schuldigen sucht. Das schafft ein Umfeld, in dem offener kommuniziert wird, Risiken früher erkannt werden und Menschen bereit sind, voneinander zu lernen.
Sabine Kuch: Welche Bedeutung hat dabei das Thema Sinnhaftigkeit?
Gisbert Engel: Eine sehr große. Hier kommt ein weiteres japanisches Konzept ins Spiel: Ikigai.
Ikigai wird oft als „Grund, morgens aufzustehen“ beschrieben. Es verbindet das, was wir gerne tun, worin wir gut sind, womit wir einen Beitrag leisten und was langfristig tragfähig ist.
Gerade in Zeiten von KI und Automatisierung wird dieser Gedanke immer wichtiger.
Technologien können Prozesse beschleunigen oder sogar ganze Aufgaben übernehmen. Was sie nicht ersetzen können, ist der menschliche Wunsch nach Sinn und Bedeutung.
Mitarbeitende engagieren sich nachhaltig, wenn sie verstehen, warum ihre Arbeit wichtig ist und welchen Beitrag sie für Kunden, Kollegen oder die Gesellschaft leisten.
Deshalb sollten Führungskräfte nicht nur fragen: „Was sind Ihre Karriereziele?“, sondern auch:
- Welche Aufgaben geben Ihnen Energie?
- Wo liegen Ihre besonderen Stärken?
- Wie schaffen Sie Wert für andere?
- Wann haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeit wirklich wichtig ist?
Diese Gespräche erzeugen oft eine viel stärkere Bindung als klassische Zielvereinbarungen.
Sabine Kuch: Was können Führungskräfte konkret tun, um Mitarbeitenden Sicherheit zu vermitteln?
Gisbert Engel: Aus meiner Sicht gibt es vier zentrale Elemente:
Erstens: Transparenz schaffen.
Menschen akzeptieren Veränderungen leichter, wenn sie deren Sinn verstehen.
Zweitens: Vertrauen aufbauen.
Nicht durch Kontrolle, sondern durch Verlässlichkeit.
Drittens: Fehler als Lernchance behandeln.
Besonders bei neuen Technologien und KI-Anwendungen.
Viertens: Verantwortung ermöglichen.
Menschen entwickeln Selbstvertrauen, wenn sie eigenständige Entscheidungen treffen dürfen.
Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass jede Handlung vorgeschrieben wird. Sicherheit entsteht, wenn Mitarbeitende wissen, innerhalb welcher Leitplanken sie sich bewegen können und dass sie dabei Unterstützung erhalten.
Herr Engel, welches Fazit würden Sie Unternehmen in Zeiten von KI und digitaler Transformation mitgeben?
Gisbert Engel: Technologie verändert die Arbeitswelt rasant. Doch die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse bleiben dieselben.
Menschen brauchen Vertrauen. Sie brauchen Zugehörigkeit. Und sie brauchen das Gefühl, dass ihre Arbeit einen Sinn hat.
Die Verbindung von Naikan (Reflexion), Amae (Vertrauen) und Ikigai (Sinn) bietet dafür einen bemerkenswert modernen Führungsansatz.
Das gilt für erfolgreiche Führung ebenso wie für erfolgreiche IT-Sicherheit:
Reflexion schafft Verständnis.
Gisbert Engel
Vertrauen schafft Sicherheit.
Sinn schafft Engagement.


